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Willi Baumeister

Stuttgart 1889 - 1955 Stuttgart

Tschun-Li

1949, Öl auf Hartfaserplatte auf Hartfaserplatte montiert

44,7 x 33,9 cm

Signiert und "49" datiert sowie rückseitig nochmals signiert, datiert und betitelt

Provenienz: Privatsammlung Hessen; Villa Grisebach, Berlin (108. Auktion, 30. Mai 2003, Los 64); Privatsammlung Europa (2003-2023)

Mit dem Ende des nationalsozialistischen Regimes 1945 beginnt für Willi Baumeister eine Zeit von großer künstlerischer Bedeutung. Seine Kunst war während des Zweiten Weltkrieges als »entartet« diffamiert worden, doch die Sorge, nie wieder frei arbeiten zu dürfen, war mit der Befreiung durch die Alliierten ausgestanden. Dieser politische Wendepunkt markierte für Baumeister einen künstlerischen Neuanfang. Er nutzte die Folgezeit nicht zuletzt zur Vollendung seiner bedeutenden Publikation »Das Unbekannte in der Kunst«, die bereits 1947 erschien.
In der Schrift erörtert Baumeister sein Kunstverständnis, das sich auf die Erforschung des Unbekannten im Zeitalter der modernen abstrakten Kunst konzentriert. »Der wirkliche Gehalt eines modernen Bildes liegt sichtbar und verborgen in dem ganz äußerlichen Drama der Farben und Formen. […] Dabei soll nicht das Dekorative den Wert darstellen, sondern etwas ganz anderes, nämlich ein unerklärlicher Spuk, eine Magie, die durch den äußeren Eindruck hindurch aufsteigt, wenn man als Betrachter in der Lage ist, so lange aufnahmebereit sich dem Eindruck hinzugeben, bis die Ahnungen von einem Gehalt sich verdichten und zu dem Betrachter zu sprechen zu beginnen«1) Baumeister ermutigt damit die Betrachtenden, sich von rationalen Interpretationen zu lösen und stattdessen von emotionalen Eindrücken leiten zu lassen, um so das Verborgene in der Kunst zu entdecken.
Unser Werk »Tschun-Li« von 1949 verdeutlicht diesen Grundgedanken. Es ist den sogenannten »Nocturnes« zuzuordnen, einer Werkgruppe von Gemälden, die ein tiefes Blau als Hintergrund haben, vor dem sich sehr farbintensive Formen deutlich abheben. Baumeister gestaltet hier ein Gefüge aus kleineren Farb­flächen, Linien und amorphen Formen. Sie verteilen sich ohne nachvollziehbare oder korrespondierende Bedeutung über den Bildgrund und es entsteht der Eindruck, als blicke man durch ein Vergrößerungsglas ins Innere des Werkes, um es in seinen Einzelheiten zu erfassen. Inspiriert durch Archäologie und die Malereien afrikanischer und asiatischer Kulturen gibt sich Baumeister dabei einer vollkommen fiktiven Farb- und Formensprache hin.

1) Willi Baumeister 1949, zit. nach: Götz Adriani (Hg.): Baumeister. Tübingen, 1971, S. 208.

Ludorff
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