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Mai 2026

VON SAMMELLUST UND MODERNEN WALLFAHRTEN

Für Sammler und Kunstbegeisterte sind die großen Events die modernen Wallfahrtsorte geworden. Man erwartet tiefen Sinn und innere Erleuchtung, wenn auch nicht im religiösen Sinne. Deswegen werden die politischen Spannungen der 61. Biennale in Venedig wohl keinen von seiner Reise in die Lagunenstadt abhalten. Die Kunst muss ein weitgefasstes Netz politischer und individueller Menschlichkeit sein, heißt die Botschaft der 2025 plötzlich verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh. Dafür steht diesmal Venedig, wo man in vielen Tonarten und Lautstärken dem Sound des aktuellen Diskurses lauschen kann.

Den Zauber des Unsichtbaren entdecken – Werke des Hamburger Fotografen Gregor Törzs auf der HIGHLIGHTS 2026 am Stand von Galerie Commeter.  Foto: Jens Bruchhaus

In der näher rückenden Art Basel sieht es schon wieder anders aus. Da spricht der Kunst-Markt und die Sammler dürfen wieder ganz Sammler sein. Was sie im innersten antreibt, hat der Schriftsteller und Keramiker Edmund de Waal einmal treffend formuliert: „Sammeln ist ein Akt der Selbstdefinition. Es bedeutet, etwas in der Welt zu finden, es auszuwählen… Es in das eigenen Energiefeld zu holen und in den eigenen Raum zu bringen.“

Eine Kunstsammlung ist demnach das geistige Röntgenbild ihres Besitzer.  Psychologen sprechen davon, dass das Sammeln eine Form von Selbstdarstellung sei, oder ein Weg, dem Chaos der Welt eine eigene Ordnung entgegenzusetzen. 

Das weitgefächerte Spektrum des Sammelns begegnet uns auch stets aufs Neue auf der Munich HIGHLIGHTS, die vom 15. bis 18. Oktober zum 17. Mal stattfindet. Der eine fühlt sich zu den deutschen Expressionisten hingezogen, der andere ist von barockem Silber fasziniert. Andere halten es vielleicht mit dem Sammler François Pinault. Er verspüre beim Sammeln keine nostalgischen Gefühle, es sei das Morgen, was ihn interessiere. Was immer Sie motiviert zu sammeln, wir hoffen, dass Goethe auch im 21. Jahrhundert recht behält. Er meinte nämlich: „Sammler sind glückliche Menschen.“1

EXPERTEN-TIPP //

SAMMELN HEISST FOKUSSIEREN

Neuste Erwerbung des Museum Reinhard Ernst: Michael Anthony Müllers wandfüllendes Gemälde „Titanomachie“ aus den Jahren 2024-26 © Museum Reinhard Ernst 

HERR ERNST, VOR ZWEI JAHREN HABEN SIE DAS MUSEUM REINHARD ERNST IN WIESBADEN ERÖFFNET, DAS IHRE INTERNATIONAL BEDEUTSAME KOLLEKTION INFORMELLER UND ABSTRAKTER KUNST BEHERBERGT.

WIE BAUT MAN SO EINE SAMMLUNG AUF?

Jede Kunstsammlung ist so individuell wie ihr Besitzer. Deshalb kann ich nur über meine Erfahrungen sprechen. Nachdem ich feststellte, dass die abstrakte Malerei nach 1945 „meine“ Malerei ist, und diese auf vielen Geschäftsreisen kennenlernte, wurden Europa, USA und Japan meine geographischen Sammlungsschwerpunkte. Ohne besonderen Fokus ist eine Sammlung richtungslos. Meinen Kaufentscheidungen gingen anfangs nicht immer Recherchen voraus. Es gab viele Kunstwerke, deren Erschaffer ich zum Zeitpunkt meiner oft nur Sekunden dauernden Entscheidung nicht kannte. Das geschieht teilweise auch heute noch, wenn mich eine Arbeit auf den ersten Blick überzeugt. Heute aber komme ich ohne das Studieren der Kataloge – ob von Auktionen und Galerien – nicht mehr aus. Informationen über Künstler, Herkunft der Werke und deren Qualität sind wichtig. Vor allem, um festzustellen, ob der Preis „gerechtfertigt“ ist. Man muss lernen, sich Grenzen zu setzen, und einen langen Atem zu haben.

Reinhard Ernst, Sammler und Museumsgründer

©  Museum Reinhard Ernst / Tanja Nitzke

KULTUR-TIPP // CASSIRER – PATE DES IMPRESSIONISMUS

Édouard Manet, Familie Monet in ihrem Garten in Argenteuil, 1874. © The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of Joan Whitney Payson, 1975 

Von  französischer Avantgarde wollte man im deutschen Kaiserreich um 1900 nicht viel wissen. Und doch feierten die Meisterwerke des Impressionismus auch weilt hier  Sternstunden. Der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer öffnete Sammlern und Museumsdirektoren die Augen für die Schönheit und Modernität der Gemälde von Renoir und Degas, von Monet und Manet. Im Jahr 1898 kaufte er angeblich für die damals unglaubliche Summe von 50 000  Mark die “Tanzschule“ von Degas für die erste Ausstellung des Franzosen in Deutschland, die in seiner Galerie stattfand. Die Alte Nationalgalerie Berlin würdigt nun mit der Ausstellung „Paul Cassirer und der Durchbruch der Impressionisten“ nicht nur einen der bedeutendsten Galeristen und Moderneverfechter. Kuratorin Josephine Klinger lädt zu einem Gipfeltreffen von Werken höchsten Ranges. 

(www.smb.museum, bis 27.9.26, der Katalog erscheint im Hirmer Verlag)

AUßERDEM // BLICK IN DAS GALERIEGESCHEHEN UNSERER AUSSTELLER

HIDDE VAN SEGGELEN bewegt sich in seiner Hamburger Galerie wie immer auf dem Grad von Nonkonformität und hohem ästhetischem Anspruch. Die Skulpturen und Bilder von Thomas Grünfeld sind Grenzgänger zwischen Abstraktion, Surrealismus und Design.2

(www.hiddevanseggelen.com, ab 29. Mai)

MUELLERSCHOEN RECKER CONTEMPORARY – ehemals WUNDER-KUNST – ist hautnah am Puls der Zeit mit ihrer Verkaufsshow „Mirror, Mirror – das Abbild und Ich“ im Industrieloft der Neuen Siederei. Es wird ein Querschnitt junger, vielversprechende Positionen vorgestellt, die mittels Porträts das digitale Zeitalter hinterfragen. 3 (www.muellerschoenrecker.de,  bis 31.Juli)

GALERIE WOLFGANG JAHN zeigt in ihrer Münchner Lokation mit der Ausstellung „Kaputte Reißverschlüsse“ zum ersten Mal die gleichnamige neue Werkserie des Künstlers Jiři Dokoupil. Der Meister der zarten Seifenblasen wendet sich einer wirklichkeitsnahen Malerei zu. Mit rauem Pinselstrich und in Braun-, Gelb- und Rottönen reizt er die Stofflichkeit seiner Motive aus.4

(www.galeriejahn.com, bis 13. Juni)

  1. Stand von Munich HIGHLIGHTS 2025 Ausstellerin Almut Wager, Foto: Matin Jameie ↩︎
  2. Thomas Grünfeld, O.T. (egg/pastel blue), 2018, Expositharz, Glas, Holz, 106 x 83 x 7 cm, Courtesy Hidde van Seggelen ↩︎
  3. Charlie Stein, Museum of Vessels II, 2025, Öl auf Leinwand, 180 x 180 x 4 cm. Courtesy the artist und Muellerschoen Recker Contemporary ↩︎
  4. Jiři Dokoupil, Kaputter Reißverschluss, 2022-2026, Mischtechnik auf Leinwand, 64 x 80 cm. Courtesy Studio Jiři Dokoupil und Galerie Wolfgang Jahn ↩︎