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Walter Dexel

München 1890 - 1973 Braunschweig

Leuchtturm und Segelschiff

1921, Bleistift auf Papier

25,2 x 33,6 cm

Die vorliegende Zeichnung von Walter Dexel aus dem Jahr 1921 gehört zu jener entscheidenden Übergangsphase seines Schaffens, in der der Künstler sich vom Kubismus und Expressionismus löste und zu einer konstruktiv-abstrakten Bildsprache fand. Unter dem Einfluss der europäischen Avantgarde, insbesondere von Theo van Doesburg, entwickelte Dexel seit 1921 eine streng geometrische Formensprache, die ihn zu einem wichtigen Vertreter des deutschen Konstruktivismus machte.

Die Zeichnung zeigt eine stark abstrahierte Hafen- oder Industrielandschaft. Erkennbar sind ein Segelschiff und ein Leuchtturm, Masten, architektonische Elemente und technische Konstruktionen, die jedoch nicht naturalistisch wiedergegeben werden. Stattdessen zerlegt Dexel die Motive in ein Gefüge aus Geraden, Diagonalen, Rechtecken und Dreiecken. Die einzelnen Formen überschneiden sich, durchdringen den Bildraum und erzeugen eine komplexe rhythmische Struktur. Die Gegenstände erscheinen nicht mehr als eigenständige Objekte, sondern als Bestandteile eines geometrisch organisierten Systems.

Besonders auffällig ist die Dominanz der Diagonalen. Sie verleihen der Komposition Dynamik und vermitteln den Eindruck von Bewegung, Wind und technischer Energie. Die Segel der Schiffe werden zu spitzen Dreiecksformen, während Masten und Gebäudeteile als vertikale Achsen fungieren. Horizontale Linien strukturieren zugleich die Wasserfläche und schaffen eine Balance zwischen Stabilität und Bewegung. Diese Spannung zwischen Ordnung und Dynamik ist ein zentrales Merkmal konstruktivistischer Bildauffassungen.

Die Zeichnung ist ausschließlich in Bleistift ausgeführt. Dadurch tritt die konstruktive Anlage des Bildes besonders deutlich hervor. Schraffuren und unterschiedliche Linienstärken dienen weniger der Modellierung von Volumen als der Gliederung von Flächen und der Hervorhebung einzelner Bildelemente. Die Arbeit wirkt daher wie eine analytische Studie, in der Dexel die formalen Beziehungen zwischen Architektur, Technik und Raum untersucht.

Kunsthistorisch steht das Werk an der Schnittstelle zwischen analytischem Kubismus und Konstruktivismus. Die Zerlegung der Gegenstände in geometrische Einzelformen erinnert noch an den Kubismus, während die zunehmende Reduktion auf abstrakte Ordnungsprinzipien bereits auf die konstruktive Kunst der frühen 1920er Jahre verweist. Vergleichbare Arbeiten aus den Jahren 1920/21 werden in der Forschung als abstrahierte Stadt- und Architekturkompositionen beschrieben, in denen reale Motive als Ausgangspunkt für eine autonome geometrische Bildordnung dienen.

Die Zeichnung lässt sich somit als Ausdruck des modernen Lebensgefühls nach dem Ersten Weltkrieg verstehen: Technik, Architektur und Verkehr werden nicht dokumentarisch dargestellt, sondern als Symbole einer neuen, rational geordneten Welt interpretiert. In dieser Verbindung von sachlicher Konstruktion, rhythmischer Bewegung und abstrakter Formensprache zeigt sich bereits jene ästhetische Haltung, die Dexel später auch in Grafikdesign, Typografie und Werbegestaltung weiterentwickelte.

Sina Stockebrand – Kunsthandel
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