Jede Epoche schaute anders auf den Menschen. Mit dem Erwachen des individuellen Ichs in der Zeit der Renaissance sind Porträts zum ersten Mal Abbilder von Charakter und Persönlichkeit geworden. Die Gesichter bewegen sich zwischen schonungslosem Realismus und idealisierter Reinheit. Und auch wenn sich im 18. Jahrhundert Herrscher mit Pomp und Pose porträtieren ließen, unter Puder und Perücke blieb das Gesicht der Spiegel der Seele. Den Malern der Moderne hingegen reichten oft nur ein paar expressive Striche, um das Innere des Wesens zu erfassen. Als die Kunst mehr und mehr abstrakt wurde, nahm sich schließlich die Fotografie im Rausch von Pop und Rock die Freiheit unkonventioneller Inszenierungen.
Unser kleiner Streifzug durch die Porträtkunst beharrt nicht auf einer vollständigen Geschichte dieser Gattung, aber symptomatisch für die HIGHLIGHTS ist sie schon. Denn von Anfang hat sie sich als Brückenschlag zwischen alter und moderner Kunst verstanden.

Jan Jansz Westerbaen I, Porträt Odilia von Matenesse (1630–1656), um 1649, Öl auf Leinwand,
45 x 35 cm. Courtesy Ralph Gierhards Antiques / Fine Art
Für wen dieses präzise gemalte, kleine Porträt von Jan Jansz Westerbaen gedacht war, bleibt ein Geheimnis. Ein Präsent an den Verlobten, ein Erinnerungsstück für die Familie? Diese Lücke schmälert die Faszination nicht. Alles an dieser jungen Frau, deren Blick man nicht ausweichen kann, spricht für eine noble Herkunft und die hohe Porträtkunst des Malers aus Den Haag. Die kunstvoll arrangierte Frisur und der Schmuck, das rot Samtkleid mit der drapierten Spitze an Decolleté und Schulter. Die makellose Haut leuchtet noch heller vor dem dunklen Hintergrund. Dennoch streng und sittsam, ganz im englisch beeinflussten Porträt-Stil des 17. Jahrhunderts, hat Westerbaen die damals 18- oder 19-jährige Odilia von Matenesse charakterisiert, die nun ein Glanzstück bei Ralph Gierhards Antiques / Fine Art ist.

Jeanloup Sieff, Jane Birkin, Paris, 1968, Silber-Gelatine-Abzug, 29,5 x 19,5 cm (Bildgröße),
verso Nachlassstempel und signiert von Barbara Sieff. Courtesy Ira Stehmann Fine Art
Aus jedem Porträt spricht der Geist der Entstehungszeit. Jane Birkin war die Kindfrau der 1960er Jahre. Schauspielerin, Sängerin, It-Girl im wilden Paris. Elfenhaft und mit einem Schmollmund und Unschuldsblick, der selbst ein Herz aus Stein erweichen konnte. Der Fotograf Jeanloup Sieff hat sie 1968, als ihr der Ruf der Lolita anhaftet, vor die Kamera geholt und jede Spur von Pin-up-Image aus ihrem Gesicht gewischt. Mit seinem Lichtspiel hat er die Verletzlichkeit einer Stil-Ikone an die Oberfläche geholt. Das können nur die Meister ihres Fachs, meint auch die Fotoexpertin Ira Stehmann, die den Silber-Gelatine-Abzug anbietet.

Oskar Kokoschka, Selbstporträt, datiert und signiert Tusche auf Papier, ca. 13 x 23,5 cm. Courtesy Galerie bei der Albertina ▪ Zetter
Es gibt die schwergewichtigen Künstler-Selbstporträts, auf denen sich der Maler im Atelier einer kritischen Selbstbefragung unterzieht. Und es gibt die mit leichter Hand, spontan aufs Papier gebrachten Skizzen, wie diese Tuschzeichnung von Oskar Kokoschka aus dem Angebot der Galerie bei der Albertina ▪ Zetter. Uneitel und die eigene Physiognomie nicht leugnend hat der bedeutende Expressionist sein Ich in den Fokus eines Weihnachtsgrußes gesetzt. Das derbe Kinn, die schweren Augenlieder sind mit wenigen Strichen erfasst. Die Zigarette in den langen spitzen Fingern deutet den Genussraucher an. Eine private Attitüde eines Großen der Wiener Moderne.

Andy Warhol, Man Ray, 1974, Siebdruck, signiert, datiert und nummeriert, Exemplar 99/100, 34,9 x 34,9 cm. Courtesy Galerie Benden & Ackermann
Andy Warhol war verrückt nach Gesichtern. Marilyn, Mao, John Lennon, Josef Beuys. Für ihn Ikonen seiner Zeit, die die Massenmedien mit dem Label Pop geadelt hatten. 1973 besuchte er Man Ray in dessen Pariser Wohnung. Der New Yorker setzte ihm eine Kapitänsmütze auf, gab ihm eine Zigarre und machte wie gewohnt ein paar Polaroids des damals 83-jährigen Surrealisten und Fotografen, um sie anschließend im unverkennbar Warhol´schen Stil farblich zu verfremden und eine neue Aura entstehen zu lassen. Angeblich wusste die Surrealisten-Legende nicht, dass er dem König der Pop-Art ein Shooting gewährte. Unzweifelhaft aber ist, Andy Warhol hat der Gattung Porträt neues Leben eingehaucht. Der signierte Siebdruck gehört zum Angebot der Galerie Benden & Ackermann.

Marie-Louise von Motesiczky, Hanni, 1925, Öl auf Leinwand, 41,2 x 29,4 cm. Courtesy Marco Pesarese Fine Art
Die Roaring Twenties waren eine Hoch-Zeit des Porträts. Die neue Frau, der Rennfahrer, literarische Revoluzzer wie Bert Brecht und Sylvia von Harden, aber auch imposante Charaktere, die bislang nicht auf der Sonnenseite der Gesellschaft lebten, rückten ins Zentrum der Kunst. Die in Wien geborene und erst kürzlich wiederentdeckte Malerin Marie-Louise von Motesiczky verschrieb sich ebenfalls der Porträtmalerei. Zwischen Neuer Sachlichkeit und expressivem Strich malte die Beckmann-Schülerin 1925 die junge Frau Hanni, deren Bild Marco Pesarese unlängstfür seine Galerie akquiriert hat. Die Perspektive leicht verschoben, denn es waren unruhige Zeiten. Liebreiz überließ sie anderen. Aus den schroffen Konturen des Gesichts leuchten dunkle Augen. Die Kunst der Zwanzigerjahre hatte gerade ihren Gipfel erreicht.

Maximilian Joseph Hannl, Portrait eines Goldschmieds, Öl/Leinwand, 1715/25, 90,3 x 71 cm. Courtesy Kunsthandel Peter Mühlbauer
Die Sehnsucht nach repräsentativer Selbstdarstellung schimmert nicht nur in den barocken Herrscherporträts des Adels durch. Selbstbewusste Bürger und erfolgreiche Handwerker besaßen ihre eigenen Codes, wie das Porträt eines Goldschmieds von Maximilian Josef Hannl aus dem Portfolio des Kunsthandels Peter Mühlbauer offenbart. Der mit Pelz besetzte, kostbare Mantel, die Mütze demonstrieren Wohlstand. Die reich verzierte Kanne verweist auf die eigene Kunstfertigkeit und anspruchsvolle Auftraggeber. Hannl, der das Gemälde wohl zwischen 1715 und 1725 in seiner Venedig-Zeit schuf, steht stilistisch und qualitativ seinem Zeitgenossen Johann Kupezky nahe, mit dem ihn eine jahrelange Zusammenarbeit verband.

Porträtminiatur eines vornehmen Herren in emailliertem Goldmedaillon, Gouache auf Pergament, Belgien oder Holland, um 1600, Länge ca. 3 cm. Courtesy Kunst und Antiquitäten Almut Wager
Sie waren Liebesgruß, Erinnerungsstück, Ehrengeschenk und nicht selten eines der intimsten Schmuckstücke. Porträtminiaturen hatten Konjunktur in Zeiten, als die technische Reproduktion eines privaten Bildes eine Herausforderung war. Während man im 19. Jahrhundert hochstehende Familienmitglieder üppig in Colliers und Armbänder integrierte, scheint dieses Medaillon aus der Zeit um 1600 mit dem Porträt eines vornehmen Herren, das dicht am Herzen getragen wurde, von einer engen Beziehung zu erzählen. Wie fein muss der Pinsel gewesen sein, um die Spitze des Kragens, jedes Haar und auch die Fältchen des nicht mehr jungen Mannes auf die wenigen Quadratzentimeter zu übertragen. Das fragt sich auch unsere Highlights-Ausstellerin Almut Wagner.
Amelie Eitle
Categories: NEWS
16099
MUNICH HIGHLIGHTS 2024
Impressionen der 15. Ausgabe der HIGHLIGHTS Internationalen Kunstmesse, Residenz München, 17. – 20. Oktober 2024
Dr. Anuschka Koos
Categories: VIDEOS
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