Kann man sich die frühen Jahre Picassos ohne Ambroise Vollard vorstellen? Oder die Karriere Frank Stellas ohne Leo Castelli? Die Beziehung zwischen Künstler und Galerist ist eine Symbiose, die erst vor gut 200 Jahren entstand, als aus breit sortierten Bilderläden Galerien wurden. Aber schon das 19. Jahrhundert brachte einen Macher à la Larry Gagosian hervor. Den Kunsthändler Charles Sedlmeyer etwa. Er wusste, wie man Stars aufbaut. Für 100.000 Franc im Jahr nahm er den Historienmaler Mihaly Munkacsy unter Vertrag und inszenierte Shows wie den Blick auf den Heiligen Gral. Über eine Enfilade von Räumen gelangte man – gegen Bezahlung natürlich – in verdunkelte Säle, wo Monumentalgemälde wie „Christus vor Pilatus“ oder „Golgotha“ die Besucherseelen ergriffen. Für den geschäftlichen Erfolg sorgten dann auf Amerika-Tournee letztlich Kaufhausmagnaten und Eisenbahnbarone.
Anton Raphael Mengs’ Porträt der Maria Antonia von Sachsen war 2025 Besuchermagnet am Stand von Munich HIGHLIGHTS Aussteller C. E. Franke Kunsthandel, Foto: Matin Jameie
Die Geschichte des Kunsthandels ist manchmal wie großes Kino. Manche behaupten gar er sei das zweitälteste Gewerbe der Welt. Im vorchristlichen Rom waren Griechenlands Götter und Olympioniken aus Marmor Prestigesymbole. Die Versteigerung des Kunstbesitzes von König Attalos III. von Pergamon auf dem Forum Romanum 133 v. Chr. hat selbst Cicero beschrieben. Kunst aus prominenter Quelle hat auch damals die Welt bewegt. Das kommt einem doch bekannt vor. Trotz permanenter Wandlung, trotz heutiger digitaler Strategien – viele Mechanismen des Marktes ähneln sich.
Ein Boutiquemesse wie die Munich HIGHLIGHTS, die in diesem Jahr vom 15. bis 18. Oktober zum 17. Mal stattfindet, ist historisch gesehen ein Neuling im weitverzweigten Marktgetümmel von Händlern, Sammlern, Beratern und Mu-seumskuratoren. Die frühesten Kunst-messen aber fanden bereits im 15. Jahrhundert in Antwerpen statt. Im Hof eines Konvents offerierten1460 erstmals spezialisierte Händler im Schatten der großen Handelsmessen Gemälde und Luxuswaren. Ein Ideen-, Stil- und Kunsttransfer setzte sich in Gang. Manche italienische Altartafeln bekamen plötzlich eine nordeuropäische Note. Denn die flämische Kunst, die anders als im Florenz des 16. Jahrhunderts ohne Auftrag entstand, wurde nach Westen und Osten und über die Alpen exportiert. Überall dorthin, wo finanzstarke Käufer saßen.
Sind sie neugierig geworden auf die vielen Geschichten von Kunsthändlern, Traditionsgalerien und auf die Wechselwirkung zwischen Markt und Kunstgeschehen? Bislang hat die Kunstgeschichte vor allem die Viten und Beziehungen von Künstlern erzählt. Der De Gruyter Verlag leuchtet nun mit dem Band „Noble Begierde“ ganz neu die jahrtausendealte Liaison zwischen Kunst und Markt aus. Weniger von merkantiler Seite, sondern als Motor der Kunstgeschichte. Denn Galeristen und Museumsexperten, Sammler und Kritiker reagierten nicht nur auf neue Kunst-strömungen, schreiben die Herausgeber Christian Huemer und Stephan Koja. Sie schlüpfen oft in die Rolle des ersten glühenden Verfechters von neuen Ideen, sind Entdecker verlorener Meisterwerke und Impulsgeber in Fragen des Ge-schmacks und des Kanons.
EXPERTEN-TIPP //
SILBER – GLÄNZENDE TAFELKULTUR
Georg Jensen, Fischplatte mit Einsatz, 830er Silber, Kopenhagen, 1919. Courtesy Kunsthaus Kende
FRAU PETERSEN, IN IHREM MAGAZIN SALON GEHT ES UM INTERIEUR, KULTUR UND GASTLICHKEIT.
GEHÖRT SILBER IHRER MEINUNG NACH HEUTE ZU EINER FESTLICHEN TAFEL?
Auf jeden Fall. Mal abgesehen vom Glanz, verbinden Stücke wie Leuchter, Zuckerdosen oder Silber-Bestecke oft persönliche Geschichten mit Epochen-Geschichte. Ein Gericht unter der Wärmeglocke aus einem Fürstenhaus zu servieren oder mit einem Jugendstil-Cremelöffel von Henry van de Velde das Dessert – eine herrliche Vorstellung. Diese Dinge stehen für die Ideen bedeutender Entwerfer.
Ich finde, seine Silbertrophäen soll man nicht verstecken, sie gehören zum Genießen dazu. Statt an altmodischer Opulenz denke ich viel eher an die frische Ästhetik, wie sie Designer Henning Koppel im 20. Jahrhundert für Georg Jensen erdacht hat oder an die Art-Déco-Eleganz einer puristischen Wasserkaraffe von Puiforcat. Der Umgang mit Silber im Alltag, vielleicht zur Tea-Time oder um Konfekt zu servieren, ist immer eine kleine Feier des Hier und Jetzt. Das funktioniert genauso mit der flamboyanten Eleganz des Rokoko.
Der Mythos hält sich hartnäckig: Silber läuft sofort an. Ja, weil es mit schwefelhaltigen Stoffen der Luft reagiert. Wichtig ist vor allem eine sanfte Reinigung. Aggressive Tauchbäder oder Hausmittel wie Alufolie und Salz sind tabu. Wussten Sie, dass Hautfett der Silbersulfid-Bildung entgegenwirkt? Deshalb: Benutzen Sie ihr Tafelsilber regelmäßig.
Anne Petersen, Chefredakteurin SALON
KULTUR-TIPP // SHOWTIME FÜR VARIOUS OTHERS
In der Galerie Deborah Schamoni: Maryam Hoseini, Diagonal Duration, 2025, Öl, Acryl, Tinte und Bleistift auf Holzplatte, 61 x 137,2 x 5,1 cm. Courtesy the artist/Green Art Gallery Dubai/Deborah Schamoni
London hat es, Berlin und auch München. Ein Wochenende, an dem die Stadt vibriert vor lauter Kunst. In Galerien, Off-Spaces und auch in manchen Künstlerateliers stehen die Türen weiter auf als sonst, die Ausstellungen sind eine Spur aufregender. Was sich in London Gallery Weekend nennt, heißt in München VARIOUS OTHERS und dauert gleich zehn Tage – vom 14. bis 24. Mai. Ihr Konzept ist alles andere als gewöhnlich. Münchner Galerien laden Kollegen aus aller Welt zu Kooperationen ein. Deborah Schamoni und Green Art Galerie präsentieren beispielsweise die in Iran geborenen Maryam Hoseini. Galerie Lohaus Sominsky arbeitet mit dem Pariser Erfolgsgaleristen Kamel Mennour zusammen. Jahn und Jahn zeigen gemeinsam mit Matthew James Holman aus New York wilde Arbeiten von Willem de Kooning und intuitiven Farbkompositionen von Jana Schröder. Dazu jede Menge Talks, Performances, Diskussionen.
AUßERDEM // BLICK IN DAS GALERIEGESCHEHEN UNSERER AUSSTELLER
BECK & EGGELING INTERNATIONAL FINE ART hat dem ZERO-Künstler Heinz Mack, der im Galerieprogramm der Düsseldorfer schon seit Jahren eine Rolle spielt, zum 95. Geburtstag den roten Teppich ausgerollt und zeigt neuere Collagen, Pastellzeichnungen und Keramik des Farb- und Lichtmagiers.
FELIX JUD & CO. bringt norddeutsches Flair in das Hamburger Antiqauriat – mit ungestümen Stimmungsbildern und zar-ten Apfelblütenzweigen der in Friesland lebenden Malerin Frauke Gloyer.
GALERIE JORDANOW zeigt in München, wie nah und doch so fern sich die skulpturalen, organisch-eruptiven Kera-miken der 1982 in München geborenen Keiyona und die wie Mikro-Organismen wimmelnden Abstraktionen der Berliner Zeichnerin Biene Feld sind.
GALERIE KOCH aus Hannover ehrt ebenfalls einen Jubilar aus den wilden 1960/70er Jahren. Horst Antes, der Erfinder der Kopffüßler, wird 90. Er konnte auch anders, wie das nebenstehende Gemälde zeigt. Dahinter verbirgt sich eine Auseinandersetzung mit den Köpfen Jawlenskys.
Der neue Art Market Report hat eine gute Botschaft für alle, die mit Kunst befasst sind: Es gab 2025 weltweit ein sanftes Wachstum für die Branche. Um vier Prozent auf insgesamt 59,6 Milliarden Dollar stieg der globale Umsatz von Händlern, Galeristen und Auktionshäusern. Man kann fast den Seufzer der Erleichterung hören, denn der Kunstmarkt ist ein fragiles Geflecht, abhängig von Wirtschaftskrisen, von politischen Konflikten und, und, und. Die Kunstmarkt-Ökonomin Clare McAndrew hält sich jedoch auch in ihrem zehnten Art Market Analyse, der von Art Basel und UBS herausgegeben wird, an Fakten und Zahlen.
Munich HIGHLIGHTS 2025 am Stand der Galerie Utermann, Foto: Jens Bruchhaus
Das Branchenplus aber kommt nicht überall in gleicher Höhe an, gibt die Kunstmarkt-Journalistin Sabine Spindler zu bedenken. „Zum Umsatzzuwachs hat hauptsächlich der Auktionssektor mit einer Steigerung von neun Prozent beigetragen, vor allem im Hochpreis-segment. Und doch bleibt die Position des Handels beachtlich. Er bestreitet nach wie vor mehr als die Hälfte der weltweit erlösten Milliarden und verzeichnete einen Zuwachs von zwei Prozent.“, so die Markt-Beobachterin.
Wachstum gab es nicht in allen Regionen. Deutschland etwa ächst unter einer Wirtschaftsflaute. Das streut Sand ins Getriebe schwächerer Marktteilnehmer. Zehn Prozent hat der deutsche Kunsthandel eingebüßt. Frankreich hingegen legte um neun Prozent zu. „Für Galerien hat der Standort Paris nach dem Brexit enorm an Attraktivität gewonnen. Da wird ein Widerspruch deutlich. Wir haben sehr erfolgreiche, international agierende Galerien, aber der Standort Deutschland selbst erfährt im Moment kein Wachstum.“, meint Sabine Spindler.
Nicht nur für die Munich HIGHLIGHTS, die in diesem Jahr vom 15. bis 18. Oktober stattfindet, hat folgender Aspekt Relevanz: Messen bleiben laut Clare McAndrew eine zentrale Plattform für den Handel. Global gesehen setzten Galeristen und Händler 2025 mit einem Anstieg von vier Prozent mehr als 33 Prozent ihres Jahresumsatzes auf den 370 Messen von New York über Basel bis Seoul um, Online-Verkäufe hingegen gingen zurück.
Rosilene Luduvico, Esther I, 2016, Öl auf Kreidegrund, 40 x 30 cm, Courtesy Galerie Zink
Die Fakten des Art Market Reports bestätigen die gefühlte Insider-Wahrheit. Der Anteil der Gegenwartskunst ist mit 50 Prozent des weltweit erzielten Umsatzes weiterhin sehr hoch, trotz rückläufiger Verkäufe. Stärkere Zuwächse verzeichneten Moderne und Nachkriegskunst. „Weil ihre Preisspirale nach oben ging“, so Sabine Spindler. Weiter an Terrain gewonnen haben Künstlerinnen. Obwohl der sogenannte Gender Pay Gap unübersehbar ist. Im Primärsektor machen weibliche Positionen mittlerweile die Hälfte aus, ihr Anteil an der Wertschöpfung liegt jedoch nur bei 44 Prozent.
Der Art Market Report will kein Kunstkauf-Leitfaden sein. Er ist für die Branche ein Trend-Sensor. Dass das Flanieren über die HIGHLIGHTS vergnüglicher ist, steht außer Frage.
EXPERTEN-TIPP //
RESTAURATORIN MARJEN SCHMIDT ZUM THEMA:LONGEVITY FÜR FOTOGRAFIEN
ZEITGENÖSSISCHE FOTOGRAFIE BESITZT DAS, WAS MAN WALLPOWER NENNT. WIE SOLL MAN ALS PRIVATSAMMLER MIT DEM MEDIUM UMGEHEN?
Wallpower-Abzug oder kleines subtiles Werk, schwarzweißer Silbergelatineabzug, großformatiger C-Prints oder Inkjetprints – die ursprüngliche Qualität einer Fotografie bleibt länger erhalten, wenn Sie, wie bei Arbeiten auf Papier, die Rahmung mit UV-undurchlässigen Verglasungen versehen und die Arbeiten nicht ins direkte Sonnenlicht hängen. Schützen Sie Ihre Sammlungsstücke vor Kaffee- und Rotweinflecken oder anderen Getränken, sie lassen sich nicht durch Bleichen oder Radieren entfernen. Auch Fingerabdrücke können bleibende Spuren hinterlassen, benutzen Sie Baumwoll- oder Einmalhandschuhe aus Nitril beim Handling. Hat sich ein Blatt gewellt, geben Sie es in die Hände von Fachleuten. Das empfiehlt sich auch bei Rissen, Knicken und Verschmutzungen der Oberfläche.
Für die Aufbewahrung – sowohl großer als auch handlicher Formate – wählen Sie am besten einen dunklen, kühlen und trockenen Raum, nicht über 20°C und unter 50% relativer Luftfeuchtigkeit. Dachböden und Keller sind ungeeignet. Kleinere Abzüge lassen sich im Passepartout in säurefreien Archivboxen lagern. Die Bildseite mit Archivpapier aus dem Spezialhandel abdecken und nicht in mitunter schädliche PVC-Hüllen aus dem Bürobedarf stecken. Es lohnt sich.
Marjen Schmidt, freie Restauratorin für Fotografien
Um diese Charaktere muss man keine Legenden ranken lassen. Wir kennen sie. Die scheinbar Fröhliche in Ringelshirt und Baskenmütze, oder die nicht mehr taufrische Laszive im seidenen Pyjama, die ihre schweren Brüste zeigt und sich räkelt wie die Venus von Tizian. Cindy Sherman hat mit ihren Masken und Verkleidungen, in denen sie sich selbst als stereotype weibliche Rollenbilder stilisiert, Fotogeschichte geschrieben. Die Sammlung Götz zeigt bis 27. Juni in ihrer Interims-Galerie „Schaufenster“ in der Münchner Pacellistraße 5, die als Ausweichquartier während der Sanierung des Herzog- de Meuron-Baus dient, eine Auswahl von Motiven der Amerikanerin aus den 1980er/1990er Jahren. Überschaubar und gerade richtig für einen Kunstsnack zwischen Shopping und Sundowner in der Frühlingssonne. (www.sammlung-goetz.de)
AUßERDEM // BLICK IN DAS GALERIEGESCHEHEN UNSERER AUSSTELLER
Die GALERIE ALBERTINA · ZETTER in Wien hat einen guten Draht zum Nachlass Markus Prachenskys und feiert das vitale Werk des informellen Österreichers.Gestische Pinselstriche in Rot kennzeichnen seine Arbeit, die oft von Orten und Musik inspiriert wurde. Das verraten Titel wie „Korsika Bebop“ oder „Luxor Swing“ verraten. (www.galerie-albertina.at, bis 25. April)1
DIE GALERIE HEROLD in Hamburg schlägt mit „Abstrakt“ den Bogen von den 1930er und 1960er Jahren zu jüngeren Vertretern des Ungegenständlichen. Für die ältere Generation stehen Alexandra Povòrina und Johannes Gecelli. Neue Wege mit Anleihen bei der Farbfeldmalerei und dem Konstruktiven gehen Henning Kles und Daniel Hörner.
GALERIE NANNA PREUßNERS hat ihre international gefeierte Künstlerin Angela Glajcar selbstverständlich von Hamburg an ihren neuen Galeriestandort München mitgenommen.
Durch Schichtung von gerissenen Papieren und mit Hilfe von Licht schafft sie Objekte von großer Präsenz und Schönheit. „Faszinierend!“ heißt denn auch die nächste Ausstellung. (www.nannapreussners.de, 12. Juni bis 11. Juli)3
DIE GALERIE in Frankfurt schärft den Blick für Künstler und Künstlerinnen, deren Biographien in der DDR begannen. Johannes Heisig, Volker Stelzmann und Klaus Zylla gehören schon lange fest zum Galerieportfolio. Zum Trio gesellen sich Doris Ziegler, Hubertus Giebe und Lars Wiedemann u.a.
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